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Toni Zulauf, der Konzeptkünstler
Auszug aus einem Vortrag zum Thema "Kunst nach der Natur"
VON GERNOT BÖEME
...Als Beispiel möchte ich ein Projekt des Schweizers Toni Zulauf nennen. Es wurde in den Jahren 1992-1995 realisiert und trug den Titel Die Kunst des Fliegenfischens. The contemplative man's recreation. Als Ausstellung wurde es unter anderem im Senckenberg-Museum in Frankfurt gezeigt.
Das Projekt war äusserst vielschichtig und komplex und lässt sich schwer mit wenigen Worten umschreiben. Es ging, wie der Titel sagt, um die Kunst des Fliegenfischens, und zwar in einem ganz umfassenden, um nicht zu sagen totalen Sinne: die Biologie und die Ethologie der Fische, die Geschichte des Fliegenfischens, ihre Technik, die Geräte, die Ökologie der Gewässer, in denen diese Kunst ausgeübt wird, die verschiedenen Fischarten, die durch künstliche Fliegen an Wurfangeln gefischt werden können. Das vielfältige Material - Texte, Geräte, Präparate, Gewässerproben - wurde in aufklappbaren Kofferkisten präsentiert, die in der Ausstellung wie aufgeschlagene Folianten oder Wunderkisten wirkten.
Im Senckenberg-Museum der Stadt Frankfurt, einem der grossen klassischen naturhistorischen Museen, wurde die Ausstellung in besonderen Räumen gezeigt, und der Besucher geriet in sie hinein wie einfach in eine zusätzliche Abteilung neben allen anderen. Aber diese Abteilung war eben ganz anders: Das ist mit dem Stichwort Totalität schon ausgesprochen worden. Es ging in Toni Zulaufs Ausstellung nicht wie in den übrigen Räumen des naturhistorischen Museums um die Natur an sich oder die Natur unter sich, sondern um Natur im kulturellen Zusammenhang bzw. um eine Kultur, nämlich die Kunst des Fliegenfischens, durch die sich der Mensch zur Natur in Beziehung gesetzt hat. Diese Kunst des Fliegenfischens unterscheidet sich in der Naturbeziehung auch grundsätzlich von dem wissenschaftlichen Zugriff, der zu den Exponaten des Naturkundemuseums geführt hat. Zwar handelt es sich auch hier um Naturaneignung, und die Fliegenfischerei ist eine Form der Jagd, aber, wie Toni Zulauf vielleicht in dem englischen Untertitel ein bisschen zu stark betont, sie ist auch eine kontemplative Beziehung des Menschen zur Natur. Entscheidend aber ist, dass die Fliegenfischerei eine Naturbeziehung ist, in der der Mensch sich in besonderer Weise auf Natur einlässt. Man könnte geradezu sagen: mimetisch. Deshalb spielt die Ethologie, d. h. das Verhalten der Fische und ihre Erforschung auch eine so grosse Rolle. Der Fliegenfischer spielt gewissermassen im Spiel der Natur mit, wenngleich nicht wirklich und nicht im Ernst. Aber es liegt in der Kunst der Fliegenfischerei eben doch eine Kenntnis von Natur, die zugleich Anerkenntnis ist und ein praktisches Sich-Einüben mit der Natur.
Durch das Projekt von Toni Zulauf wird der analytischen, klassifizierenden und distanzierten wissenschaftlichen Verfahrensweise des naturhistorischen Museums ein ganz anderer Zugang zur Natur entgegengesetzt. Dieser Zugang ist eigentlich eine Praxis und ein Vollzug im Lebenszusammenhang. Die künstlerische Leistung, die durch das Projekt vollbracht wird, ist die Visualisierung der Totalität, in die diese Praxis eingebettet ist. Man mag die Fliegenfischerei als solche problematisieren und die direkte, gar persönlich zu nennende Beziehung, in die der Fischer durch seine Kunst zum Fisch tritt, kritisieren, weil sie eben doch einseitig und übermächtig ist und mit dem Tod des Fisches endet - es wird eben doch durch das Projekt von Toni Zulauf im naturhistorischen Museum eine ganz andere und in gewisser Hinsicht wahrere Beziehung des Menschen sichtbar: Der Mensch ist nicht extramundaner Betrachter, vielmehr ist seine Beziehung zur Natur praktisch. Natur wird sichtbar im kulturellen Zusammenhang...
Aus: "Kunst nach der Natur", Vortrag im Rahmen eine Symposiums "Andere Orte. Öffentliche Räume und Kunst" von Gernot Böhme.
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